Südafrikanische Gegebenheiten

Posted By karin


• Die wundersame und wunderbare Welt der Ahnen:

Ein Afrikanischer Freund hat mir erklärt wie die Welt seiner Ahnen funktioniert. Ich versuche es hier so genau wie möglich wiederzugeben:
Für viele Afrikaner gibt es drei verschiedene Welten die miteinander verbunden sind.
Die erste Welt ist die, welche sie umgibt. Die Realität, Dinge die zum Greifen sind, wie der lebende Mensch, Tiere und Pflanzen, aber auch Steine, Wasser und Luft.
Die zweite Welt ist die der Ahnen, der Verstorbenen. Die Verstorbenen verschwinden nicht vollständig. Sie leben weiter unter ihren Mitmenschen, sie nehmen teil am realen Leben und können dieses sogar beeinflussen. Daher ist es sehr wichtig eine gute Beziehung zu den Verstorbenen aufrecht zu erhalten, da diese das Gegenwärtige Leben eines jedem beeinflussen können.
Die dritte Welt ist das vielfältige Reich der Geister. Diese Geister existieren unabhängig. Sind einfach da, in allem und überall im Leben.

Das klingt für meine Ohren alles sehr sonderbar. In Gesprächen mit anderen Afrikanern, wurde mir gesagt, dass diese Vorstellung nicht auf jeden Afrikaner zu treffen, und nicht jeder die Rituale intensiv lebt. Jedoch sind diese drei Welten in einem jeden Afrikaner verankert.

• Der Begriff Zeit:
Europäer und Afrikaner haben eine komplett unterschiedliche Auffassung vom Begriff Zeit. Afrikaner nehmen Zeit anders wahr. Für uns Europäer ist Zeit messbar, sichtbar, wir richten unseren Alltag nach der Zeit, wir leben nach der Zeit. Wir achten die Gesetze der Zeit, halten Termine ein, wir bewegen uns innerhalb eines zeitlichen Rahmens. Es scheint, als hätte die Zeit von uns Besitz ergriffen und wir geben uns dieser Niederlage hin.
Afrikaner sehen die Zeit als eine ziemlich lockere, elastische Einheit. Der Afrikaner beeinflusst die Zeit und nicht anders herum. Die Zeit kommt in Ereignissen zum Ausdruck. Daher bestimmt der Afrikaner selbst über die Zeit, da er bestimmt ob dieses Ereignis statt findet oder nicht.
Eine völlige Umkehrung des europäischen Denkens.
Ein Beispiel: Es ist Elternversammlung in der Schule, ich bin eine der ersten die da ist und Frage eine der Lehrerinnen wann es denn losgeht. Als Antwort erhalte ich: „Wenn alle Eltern da sind.“
Afrikanische Menschen besitzen diese unglaubliche und gleichzeitig bewundernswerte und phantastische Fähigkeit zu Warten. Dieses Warten besteht meistens aus reglosem Verharren an einem bestimmten Ort an dem etwas passieren soll. Irgendwann…
Der Afrikaner sitzt, steht oder liegt so bequem wie möglich, er spricht nicht mehr, er entspannt sich und Wartet. Wir Europäer suchen uns selbst während des Wartens eine Tätigkeit. Wir lesen, stricken, machen uns Notizen, tun unserer Meinung nach irgendetwas Sinnvolles um die Zeit des Wartens so schnell wie möglich zu überbrücken. Der Afrikaner hat eine ganz andere Auffassung gegenüber dem Warten. Es scheint als genieße er die Ruhe und schaltet komplett ab, distanziert sich von dem Geschehen um ihn herum.
Selbst nach zwei Jahren in diesem Land, habe ich noch immer Schwierigkeiten mit dem Warten. Ich werde von der Seite gemustert wenn ich beim Warten im Krankenhaus mein Buch auspacke. Jedoch bin ich um einiges geduldiger geworden und lasse mich auf das Warten ein, auch wenn nicht in der gleichen Weise wie die Afrikaner.

• Familien:
Eine Afrikanische Familie besteht immer aus ein paar Dutzend Personen. Eine Familie trifft sich so oft wie möglich und verbringt so viel Zeit wie möglich miteinander. Gemeinsam Zeit zu verbringen ist eines der wichtigsten Dinge im Leben eines Afrikaners überhaupt. Alle wohnen gemeinsam in einem Haus, einem Viertel oder sehr Nah beieinander. Dies hat zur Ursache dass im Walmer Township, über 80000 Menschen auf einer Fläche meines Heimatortes Zwiefalten leben. Ein Kind wächst immer innerhalb der ganzen Familie auf. Diese Familien bilden so genannte „Klans“. Ein Klan besteht aus all denjenigen die daran glauben gemeinsame Ahnen zu besitzen, sprich miteinander verwandt zu sein. Ich habe zum Beispiel einmal einen Freund mit nach Ithemba gebracht. In der Unterhaltung mit einer der Lehrerinnen haben sie festgestellt dass sie dem gleichen Klan angehören, sprich somit verwandt miteinander sind.
In einem Klan herrschen ganz klare Regeln. Zum Beispiel dürfen Frauen und Männer aus demselben Klan keine sexuelle Beziehung haben. Wer diese Regel bricht, bringt Unheil über den ganzen Klan.

• Tageslicht
In Europa existiert Dämmerung, in Afrika dauert dieser Vorgang nur wenige Minuten. Eben ist es noch Tag und im nächsten Moment schon Nacht. In der Stadt fiel mit das gar nie so auf, da dort immer irgendwelche andere Lichter brennen. Bis ich einmal die Nacht im Zelt in einem Naturschutzgebiet verbracht habe. Weitweg von Elektrizität und fließendem Wasser. Es war unglaublich. Es wurde von einer auf die andere Minute rabenschwarz. Ich konnte meine eigene Hand vor Augen nicht mehr sehen. In dieser Nacht habe ich zum ersten Mal in meinem Leben im Dunkeln Feuerholz gesammelt und ein Feuer entzündet.

• Wie entsteht ein Township?
Der Anblick eines Townships ist sehr ungewöhnlich. Irgendjemand kommt auf die Idee sich niederzulassen und baut auf einem freien Stück Land eine Hütte. Dann der nächste. So entsteht die erste „Straße“. Währenddessen sind die Afrikaner damit beschäftigt, sich die Materialien für den „Hausbau“ zu beschaffen. Woher sie diese Dinge haben, ist ein Rätsel. Sicher ist nur, dass sie nichts kaufen. Die meisten besitzen dafür nicht das Geld. Man sieht diese Menschen am Straßenrand entlang gehen mit Blech, Brettern, dünnen Platen, Plastik, Metallteilen, Karton, Autokarosserien, Latten. Dieses Material wird entweder unter der Achsel, auf dem Kopf oder auf dem Rücken transportiert. Am neuen zu Hause angekommen, wird montiert, genagelt, ausgebessert und geklebt. Am Ende entsteht ein Mittelding zwischen Bude und einer Baracke. Die Wände bestehen aus spontanen, farbenfrohen Slum Collagen. Ganze Viertel werden so errichtet ohne einen einzigen Ziegel, ohne einen Baustein, ohne ein Fenster aus Glas.

• Nein Sagen

Afrikaner tun sich meiner Erfahrung nach schwer im Nein sagen. Hier wird kein Mensch jemals zugeben, dass er etwas nicht weiß oder kann. Wenn ich einen Taxifahrer frage ob er weiß wie er zu einer bestimmten Adresse fahren muss, antwortet er ohne zögern mit Ja. Daraufhin erlebte ich schon die eine und andere Fahrt durch die ganze Stadt, immer im Kreis herum, weil er wohl doch keine Ahnung hat, wohin er fahren soll. Für solche Fälle trage ich immer eine Straßenkarte mit mir herum um dem Fahrer gegebenenfalls zu erklären wo er denn hin fahren muss (typisch Europäer). Dafür ist der Fahrpreis auch immer Verhandlungssache (typisch Afrikaner)!
Ein anderes Beispiel: Mein Auto war kaputt. Ein Afrikanischer Freund bietet mir seine Hilfe an. Er öffnet die Motorhaube (im Falle meines Autos, den Kofferraum), schaut verwirrt drein und fängt dann an wahllos irgendwelche Kabel auseinander und wieder zusammen zu stecken. Auf meine Frage hin, ob er sicher wisse was er da tue, erhalte ich ein klares und deutliches „Yes of course“. Am Ende des Tages schiebe ich mein Auto in eine richtige Werkstatt, wo mich ein richtiger Mechaniker kopfschüttelnd mustert und mir unterstellt ich (typisch Europäische Frau) hätte versucht mein Auto selbst zu reparieren….

Diese wenigen, kleinen Anekdoten machen das Leben hier manchmal so unglaublich schwer und gleichzeitig zu unbeschreiblich schön. Ich habe mich in dieses Land, wie in seine Bewohner verliebt. Meine Zeit neigt sich dem Ende zu und es macht sich ein sehr mulmiges Gefühl breit. Ich kann nicht sagen dass mit der Europäische Lebensstil besser gefällt als der Afrikanische. Genau so wenig andersherum. Es ist einfach nur ein eine andere, nicht vergleichbare Lebensweise, die ich wertzuschätzen gelernt habe, an die ich mich angepasst habe, von der ich so viel gelernt habe! Ich habe Angst all dies hinter mir zu lassen und zu vergessen wie anders ich mein Leben leben könnte. Ich hoffe ich werde immer einen Teil dieses Afrikanischen Lebens in mir behalten.

Mai 26th, 2010

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