Was gibts Neues?

Posted By karin

Was gibt’s Neues?

Ich beginne mit dem letzten Ereignis.
Letzte Woche Mittwoch habe ich einen Anruf von Dr. van der Linde erhalten. Anastacya kann ganz kurzfristig operiert werden. Sie hat einen Spitzfuß und kann nur auf Zehenspitzen gehen. Nun wird ihre Achillessehne verlängert damit sie gerade auftreten kann. Am Freitag wurde sie dann auch schon operiert und da alles prima verlaufen ist, konnte sie am Samstag auch schon wieder nach Hause. Jetzt machen wir jeden Tag Physioübungen in Ithemba und verwöhnen sie ein bisschen. Vier Wochen muss die den Gips tragen. Da heißt es Daumen drücken, damit dieses Mal alles klappt.

Ein anderes, sehr trauriges Ereignis ist, dass eines meiner Kinder gestorben ist. Sein Name war Bingo und er ist gerade Mal zwölf Jahre alt geworden. Eine sehr traurige Geschichte. Er war HIV positiv und ist dazu noch an Tuberkulose erkrankt. Er wurde zwar im Krankenhaus ärztlich behandelt, jedoch wurden ihm dort die falschen Medikamente verabreicht. Da sein Immunsystem durch den Aids Virus schon zu sehr geschwächt war hat er diesen immensen Fehler nicht überlebt.
Die Beerdigung war sehr mitreißend. Ich habe sprachlich zwar nichts verstanden, da nur in Xhosa gesungen und gebetet wurde, aber das war auch gar nicht so schlimm. Die Trauer und die Bewegtheit der vielen Besucher war deutlich zu spüren.
Zudem ist es in der Xhosa Tradition üblich nicht von „past away“ sprich: verstorben zu sprechen, der Verstorbene „past on“, was soviel bedeutet wie derjenige geht weiter. Der Tod bedeutet hier nicht das Ende. Die Verstorbenen können wiedergeboren werden wenn sie mit Gott im reinen sind.
Irgendwie ist das eine sehr schöne Tradition. Es herrscht natürlich trotzdem Traurigkeit und speziell in Bingos Fall entsetzen, da das Krankenhaus diesen schwerwiegenden Fehler begangen hat. Jedoch verlieh dieser Glaube an das „Weiterleben“ in welcher Form auch immer der Trauerfreier eine sehr spezielle Atmosphäre. Mir hat diese Tradition im positiven Sinne ein wenig meine Trauer genommen. Ich konnte mich ganz darauf einlassen und hatte das Gefühl richtig Teil zu nehmen. Es waren auch ein paar Kinder mit ihren Eltern da. Zusammen haben wir für Bingo gesungen und ich durfte erzählen was Bingo in Ithemba alles erlebt hat.
Am Ende kam ein Verwandter Bingos auf mich zu um sich für meine Teilnahme an der Trauerfeier zu bedanken. Er erklärte mir dass ich durch meine Anwesenheit der Familie sehr geholfen hätte und er mich deswegen gern taufen würde. Mein Xhosa Name sei von nun an: noluthando was bedeutet with love = mit Liebe
Ich krieg jetzt noch eine Gänsehaut wenn ich dran denke.

Apr 1st, 2010

Meine persönliche Erfahrung in einer staatlichen Clinic

Posted By karin

Aufgrund einer Vorsorgeuntersuchung musste ich für einen Tuberkulose Test in eine staatliche Klinik. Staatliche Kliniken in Südafrika sind für jeden zugänglich. Speziell werden sie von Menschen, ca. 75% der Südafrikanischen Bevölkerung, ohne Krankenversicherung genutzt da dort alle Leistungen umsonst sind. Jedoch geht dieser Service einher mit unendlichen Wartezeiten, überarbeiteten Personal, mangelnder Hygiene und sehr einfacher Ausstattung. Hier nun meine Eindrücke zu zwei Tagen Aufenthalt in einer solchen Klinik:
20 Personen sitzen in Reih und Glied auf nummerierten Stühlen im Vorraum der Klinik. Schweigepflicht ist hier ein Fremdwort. Eine Schwester baut sich vor uns Wartenden auf und jeder muss bekannt geben aus welchem Grund er da ist. Es schallen Wörter wie: Familyplanning, HIV Test, TB Test, Sick, durch die Wartehalle.
Somit weiß schon einmal jeder was seinen Sitznachbarn so plagt.
Nach vier Stunden des Wartens und Stühle Nachrückens bin ich mit 10 anderen endlich zur Schwester in Zimmer gerufen worden. Dort wurde zuerst Blutdruck gemessen und gewogen. Dann hieß es, ich solle mich in eine Reihe vorm Klo setzen um einen Urintest zu machen. Vor der Klotür stand eine kleine Wanne mit blauem Desinfektionswasser. An der Oberfläche schwammen 5 kleine Becherchen in verschiedenen Formen. Allen ernstes fischte sich die Dame vor mir so ein Becherchen aus der Flüssigkeit und verschwand im Klo. Nach ein paar Minuten kam sie wieder mit gefülltem Becherchen (ohne Deckel), zurück und setzte sich in die gegenüberliegende Wartereihe in der noch ein paar andere mit ihren vollen Becherchen saßen. Nach ein paar Minuten kam die Schwester mit Urinteststreifen bewaffnet und steckt jeden in einen der Becher, sammelt sie wieder ein und geht tropfend in ihr Kämmerchen. Augen zu und durch dacht ich mir. Wie zur Hölle weiß die Schwester denn welcher Streifen zu wem gehört hatte? Anschließend mussten die vollen Becher ins Klo gekippt werden um dann wieder in der Wanne mit der blauen Flüssigkeit zu landen. Tja wie gesagt, Augen zu und durch. Ich war nächste. Becherchen rausgefischt aufs Klo und in die andere Reihe gesetzt. Testergebnis: everything is alright! Anschließend ging es weiter zur nächsten Warteschlange vorm „Tuberkulose – Spucktest“. Dort wurden mir zwei Becher (dieses Mal Einwegbecher) in die Hand gedrückt, ich wurde in den Innenhof gestellt und sollte in jeden Becher vier Mal reinhusten… Ziemlich schwierig wenn man keinen Husten hat. Röchelnd saß ich dann ne halbe Stunde im Innenhof und hab versucht in die Becherchen zu spucken. Stolz hab ich dann der Schwester meine zwei Becher unter die Nase gehalten um mir dann anhören zu dürfen, dass die Becher mindestens viertel voll sein sollen. Zurück in den Innenhof, wo sich mittlerweile alle möglichen Leute mit Becherchen rumdrücken. Eins muss man dem Südafrikaner lassen, spucken können sie! Eine ältere Dame hat mir dann, nachdem sie mich bei meinen verzweifelten Versuchen beobachtet hat in den Becher zu husten, erklärt dass ich den Schleim von ganz tief unten hoch holen muss und dann richtig laut rein rotzen soll. Dabei hätte ich mich dann fast übergeben, zur Belustigung aller anderen. Umringt stand ich im Innenhof und versuchte in einen Becher zu husten. Ich kam mir vor wie bei der versteckten Kamera. Nach ca. einer Stunde hatte ich dann meine Becherchen Viertels voll und einige neue Bekanntschaften geschlossen. Die Schwester hat mir beim Anblick anerkennend auf die Schulter geklopft und beim Abholen der Testergebnisse eine Woche später wurde ich dann sogar mit Namen aufgerufen. Vermutlich habe ich einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Und das Ergebnis war natürlich Negativ!

In der Galerie findet ihr ein paar aktuelle Bilder von verschiedenen Aktivitäten in Ithemba.

Mrz 1st, 2010

Nach 6 Wochen Ferien steht in Ithemba alles Kopf

Posted By karin

Diesen Bericht möchten wir mit einer Vorsetzung zum Thema Kinderrechte starten. Es geht um das Mädchen welches „auf Probe“ wieder zurück zur Mutter gegeben wurde. Zwischenzeitlich hatte sich die Situation nicht verbessert. Das Mädchen kam nur unregelmäßig zur Schule und dafür hatte ihre Mutter immer neue Ausreden parat. Gleichzeitig wurde der Fall an eine neue Sozialarbeiterin abgegeben, der dritte Wechsel in 1,5Jahren. Das bedeutet für den ganzen Prozess immer erst einen Rückschritt, da der Informationsfluss zwischen den einzelnen Sozialarbeitern nicht der beste ist. Wir haben genauestens dokumentiert wie das Mädchen in der Schule erscheint, ihre Anwesenheitstage wurden schriftlich festgehalten und regelmäßig an Mental Health weitergegeben. Wir haben unsere Sorgen zum Ausdruck gebracht, passiert ist daraufhin nicht viel. Die Mutter wurde wieder zum Gespräch eingeladen und erneuerte ihre jahrelangen Versprechen, die Schulgebühr ab nächsten Monat zu bezahlen und ihre Tochter regelmäßig zur Schule zu schicken. Die neue Sozialarbeiterin gab sich damit erst mal zufrieden, uns kam es vor wie ein Dejavue. Dazu kam, dass die Ferien vor der Tür standen. Sechs Wochen, in denen wir das Mädchen nicht sehen! Es war schon ein sehr mulmiges Gefühl, so in die Ferien zu gehen. Das mittlerweile bekannte Gefühl der Machtlosigkeit machte sich mal wieder breit.
Nach den Ferien dann die Neuigkeiten: Die Nachbarschaft der Mutter wurde auf die Situation aufmerksam und hat sich auch an die Sozialarbeiter gewandt. Daraufhin wurden diese in den Ferien aktiv und haben das Mädchen mit Gerichtsbeschluss von der Mutter weggenommen. Wir waren sehr überrascht, das zu hören. Aber aufgrund unserer letzten Erfahrung wollten wir erst einmal abwarten. Wer weiß, womöglich zieht die Mutter erneut vor Gericht und bekommt ihre Tochter umgehend zurück! Tatsächlich ging die ganze Geschichte noch einmal vor Gericht, dieses Mal aber mit einem anderen Ausgang.
Das Mädchen bleibt für die nächsten 6 Monate bei der Pflegefamilie, die Mutter hat die Erlaubnis ihre Tochter in Ithemba zu besuchen und nach dem halben Jahr wird neu entschieden, was geschieht.

Umzug einer Familie

Dies war leider nicht alles was während den 6 Wochen Ferien geschehen ist. Eine Familie scheint umgezogen zu sein. An für sich ein ganz normaler Vorgang. Jedoch wissen wir, dass die Mutter schwere psychische Probleme hat und bisher nicht in der Lage war, sich ausreichend um ihre Tochter zu kümmern. Bisher haben wir diese Familie mit allen Mitteln unterstützt, das Mädchen wurde sehr eng von uns betreut und versorgt. Es gab öfters Zeiträume, in denen es nicht gut um das Kind stand. Nach Aussage einer der Lehrerinnen Ithembas ist das Mädchen nur noch dank uns am Leben. Jetzt wohnt die Familie aber so weit weg, dass sie nicht mehr in unseren Zuständigkeitsbereich fällt. Wir wollen natürlich versuchen herauszufinden, wo genau sie sich jetzt aufhält, um gegebenenfalls dort vor Ort den Fall an die zuständige Behörde weiterzugeben. In der Hoffnung, dass es nicht einfach untergeht und die Familie weiterhin die nötige Unterstützung von außen erhält.

Sexueller Missbrauch

Ein anderer schwerwiegender Vorfall der sich während der Ferien ereignet hat, ist für uns schwer in Worte zu fassen. Wir denken aber, dass es wichtig ist, auch darüber zu berichten. Auch im Hinblick auf die Hintergründe und Verhaltensweisen in der südafrikanischen Kultur.
Eines unserer Mädchen wurde in den Ferien sexuell missbraucht.
Wir wissen, dass es sich bei dem Täter um ein Familienmitglied handelt, das während der Feiertage bei dem Mädchen zu Besuch war. Wir wissen nicht genau, was geschehen ist, da sich das Mädchen nicht verbal mitteilen kann. Die Familie hält sich bedeckt. Offiziell wissen wir auch nichts davon. Wir haben nur durch Zufall über einen Informanten aus einem Krankenhaus erfahren, was geschehen ist. Wir haben für uns noch keinen Weg gefunden, wie wir damit umgehen. Die Familie hat sich noch nicht an uns gewandt, und da wir ja eigentlich nichts davon wissen, dürfen wir auch nicht auf die Familie zugehen. Die Gefahr ist zu groß, dass der Vater das Mädchen dann nicht mehr zur Schule schickt! Wir versuchen für diese Situation noch einen gemeinsamen Lösungsweg zu finden. In Übereinstimmung mit dem Südafrikanischen Personal wird das mit Sicherheit eine Herausforderung. Das Mädchen sitzt im Rollstuhl, kann sich verbal nicht mitteilen, geschweige denn sich körperlich zur Wehr setzen. Diese ganze Situation löst ins uns eine riesengroße Wut aus! Es ist nicht in Worte zu fassen, was in uns vorgeht! In uns wird sofort der Beschützerinstinkt ausgelöst. Wir müssen das ganze doch der Polizei melden, wir müssen mit dem Mädchen ins Krankenhaus, wir müssen mit dem Vater reden. Jedoch dürfen wir in erster Linie gar nichts!! Um die Situation für das Mädchen nicht noch schlimmer zu machen, müssen wir mit sehr viel Fingerspitzengefühl in südafrikanischem Tempo vorgehen. Ihr könnt euch mit Sicherheit vorstellen, wie unglaublich schwer das für uns ist! Doch wir sind hier in Südafrika, hier gehört ein solcher Vorfall zum Alltag!! In diesem Land glauben Männer noch daran, durch Geschlechtsverkehr mit einer Jungfrau vom Aids Virus geheilt zu werden. Hier wird die „Schuld“ zuerst bei dem Mädchen gesucht, die Familienehre ist beschmutzt, keiner darf davon erfahren. Eine Sangoma (Wunderheiler) wird gerufen, um das Mädchen zu untersuchen,
Unsere Gedanken ziehen große Kreise. Was, wenn das Mädchen nun schwanger ist, was wenn sie nun HIV positiv ist. Noch sind uns die Hände gebunden
(Stand: 24.01.2010).

Nachtrag (Stand: 29.01.2010):
In der vergangenen Woche hat sich in diesem Fall zum Glück noch mal Einiges ergeben. Direkt am Montag kam der Vater des Mädchens von sich aus zu Ithemba, um über die Vergewaltigung seiner Tochter zu reden. Es fiel ihm keineswegs leicht, man merkte es deutlich daran, wie traurig und verzweifelt er ist! Er berichtete alle ihm bekannten Details und welche Schritte er bis jetzt unternommen hat. Demzufolge scheint die Tat des Cousins der Familie geplant gewesen z sein, er hatte nur auf die Möglichkeit gewartet, allein mit dem Mädchen zu sein. All das kam anschließend nur heraus, weil das Mädchen beim erneuten Anblick des jungen Mannes panisch zu weinen begann und auf ihren Unterleib zeigte. Daraufhin untersuchte die ältere Schwester das Mädchen. Dabei wurden eindeutige Anzeichen einer Vergewaltigung entdeckt. Der Cousin wurde zur Rede gestellt. Anschließend sind sie mit ihr direkt ins Krankenhaus gefahren und haben alles denkbar Notwendige getan: Einen Schwangerschaftstest (negativ) und einen vorläufigen HIV-Test. 100%ige Sicherheit über ihren HIV Status bekommen wir erst Ende März.
Auch hatte der Vater umgehend Anzeige bei der Polizei erstattet, woraufhin der Täter erstmal ins Gefängnis kam – jetzt ist er allerdings schon wieder auf freiem Fuß. Das ist so unverständlich und macht uns alle so unglaublich wütend!!! Welche Rechte hat man denn in diesem Land als Vergewaltigungsopfer??? Noch dazu, wenn man körperlich und geistig behindert ist???
Das Unfassbare daran ist außerdem, dass der Täter der Polizei schon wegen zweifacher Vergewaltigung Minderjähriger bekannt ist! Daher kann man wohl nicht mal davon ausgehen, dass er aus reiner Dummheit (sich eventuell von HIV durch Sex mit einer Jungfrau „heilen“ zu wollen) gehandelt hat – seine Tat war vielmehr vorsätzlich und geplant!!! Seine Aussage dazu war, dass er vom Teufel besessen war, als die Tat geschah.
In seiner Not hat der Vater sich deshalb nun an Ithemba und Mental Health gewandt. Mental Health will daraufhin eine Sozialarbeiterin in die Familie schicken, in der Hoffnung, dass sie dem Mädchen, aber auch dem Vater eine breite Unterstützung bieten können. Wir alle werden diesen Fall mit großem Interesse und Engagement weiter verfolgen, weil wir auch zutiefst betroffen sind!!!

Lehrer in Rente

Einer unserer vier Lehrer ist vor den Sommerferien (Mitte Dezember) in Rente gegangen. Er war darüber hinaus auch einer unserer Busfahrer und hat auf dem Ithemba-Gelände gewohnt, um regelmäßig nach dem Rechten sehen zu können.
Diese Stelle wird zum 01.02.2010 von einem neuen, jüngeren Mann besetzt, der in einem Bewerbungsverfahren von Mental Health ausgesucht wurde. Nähere Informationen zu ihm sind uns bis jetzt noch nicht bekannt.
Allerdings wird er nur die Stelle des Busfahrers und des Hausmeisters (mit festem Wohnsitz in Ithemba) übernehmen, nicht aber die Stelle des Lehrers. Dafür hätte Mental Health ihm wohl zu viel Geld zahlen müssen.
Jetzt stellte sich die Situation aber so blöd dar, dass die Jungsklasse komplett ohne Lehrer war. Aus diesem Grund wurde von Mental Health angeordnet, die Jungs auf die drei anderen Klassen aufzuteilen, was seit 27.01.2010 erfolgt ist.
Allerdings sind die anderen Lehrer, die Schulleiterin und auch wir mit dieser Situation überhaupt nicht einverstanden: Die Klassenzimmer sind zu klein, manche ältere Kids sind jetzt wieder mit bei den ganz kleinen und auch so ist der Betreuungsschlüssel viel zu knapp!
Hoffentlich bleibt das keine endgültige Lösung, auch wenn es erstmal danach aussieht. Wir werden uns auf jeden Fall noch mal mit allen Mitarbeitern zusammensetzen und die Möglichkeiten diskutieren, um Mental Health vielleicht doch von einer anderen, besseren Lösung überzeugen zu können!

Feb 1st, 2010
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